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Interview mit Ilya und Rosie vom English Theatre Düsseldorf, Teil 1

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Nach Literatur und Kunst geht es in unserer Kultur-Reihe nun ins Theater. 2018 gründeten die US-Amerikanerin Ilya Parenteau und die Britin Rosie Thorpe die englische Theatergruppe English Theatre Düsseldorf. Anfang November habe ich mir ihr neuestes Stück, das Musical Cinderella, angeschaut und darüber berichtet.

Liebe Ilya, liebe Rosie, vielen Dank, dass ihr euch Zeit für ein Interview mit mir nehmt. Darüber freue ich mich sehr, denn ich verfolge seit den Anfängen gespannt, welche Projekte ihr auf die Beine stellt. Meine erste Frage an euch: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine englische Theatergruppe zu gründen?

Rosie: Als ich nach Düsseldorf kam, um bei meinem Partner zu sein, habe ich festgestellt, dass es hier kein englisches Theater gibt. Ich habe dann nach anderen professionellen Schauspielern gesucht.

Ilya: Und dabei hat sie mich gefunden. Durch Freunde, mit denen ich in Berlin am Platypus Theater arbeitete. Wir sind einen Kaffee trinken gegangen und Rosie ist plötzlich herausgeplatzt: „Lass uns eine Theatergruppe gründen!“ Ich habe das für eine verrückte Idee gehalten, aber hier sind wir nun.

Woher bekommt ihr die Inspirationen?

Ilya: Wir hatten das Glück, dass wir immer wieder hervorragende, inspirierende und leidenschaftliche Lehrer und Mentoren hatten. Wir lassen uns von den wunderbaren Stücken inspirieren, die wir gelesen haben, und von den großartigen Aufführungen, die wir gesehen haben.

Auch von unseren Mitdarstellern lassen wir uns häufig inspirieren. Wir haben eine Gemeinschaft professioneller Schauspieler in der Region aufgebaut, die sich ebenso leidenschaftlich für das Theater engagiert wie wir. Wir suchen nach Stücken, die zu uns passen und von denen wir glauben, dass sie die internationale Gemeinschaft, der wir angehören, ansprechen werden.

Rosie: Und ich glaube, Ilya und ich haben uns dafür entschieden, diese Company zu gründen, weil wir uns so auch eine Plattform ermöglicht haben, um zu produzieren, Regie zu führen und in Theaterstücken mitzuspielen, die wir schon immer aufführen wollten. Für mich war es lange ein Traum, Rita in Educating Rita zu spielen, und für Ilya war es das Cinderella-Projekt, das sie schon seit einiger Zeit auf die Beine stellen wollte. Wir haben es geschafft, beides zu verwirklichen. Deshalb denke ich, dass sich viele Ideen und die Inspiration für alles, was wir tun, aus den Dingen ergeben, die auf unserer Liste standen.

Workshops für Erwachsene und Kinder

Ihr bringt ja nicht nur Theaterstücke auf die Bühne, sondern veranstaltet auch Workshops. Das finde ich sehr interessant, denn nicht jede Theatergruppe bietet das an. Wie kamt ihr auf diese Idee?

Rosie: Ja, stimmt. Das kam eigentlich spontan. Wir haben mit unseren Aufführungen losgelegt und als wir uns mit der Expat-Community ausgetauscht haben, bekamen wir Anfragen, warum wir nicht auch Workshops für Erwachsene oder für Kinder veranstalten. Also haben wir es versucht und seitdem hat es sich hauptsächlich aufgrund von Anfragen entwickelt. Es macht uns sehr glücklich, dass wir den Interessenten etwas anbieten können, das ihnen bisher gefehlt hat, und das ist auf jeden Fall eine schöne Ergänzung für die Düsseldorfer Gemeinschaft.

Also sollten Teilnehmer schon gut Englisch sprechen können? Oder nicht unbedingt?

Ilya: Nein, müssen sie auf keinen Fall. Vor der Gründung unserer Company habe ich deutschsprachigen Kindern schon bei Theaterworkshops Englisch beigebracht. Obwohl wir mit englischsprachigen Stücken angefangen haben, waren neben unserer Gemeinschaft auch viele deutsche Familien schlichtweg begeistert, Englisch von Muttersprachlern zu hören. Oft rufen uns deutsche Eltern an und fragen, ob ihr Kind auch mit wenigen oder keinen Englischkenntnissen bei einem Workshop dabei sein und sich wohlfühlen kann. Und durch unsere Erfahrungen ist unsere Antwort: „Ja, das läuft sehr, sehr gut.“ Kinder, die englische Muttersprachler sind, leben oft in einer international geprägten Gemeinschaft, in der vielleicht niemand richtig gut Deutsch spricht. Also unterstützen sie die Kinder sehr, deren Englisch vielleicht nicht so gut ist, was sie dann auch selbst stärkt. Sie können anderen etwas zeigen und ihnen dabei helfen, ihre Fähigkeiten zu entdecken. Das ist ein Geben und Nehmen.

Natürlich ist es eine Herausforderung, einerseits mit Kindern zu kommunizieren, die Muttersprachler sind, während sich gleichzeitig die anderen Kinder viel Mühe geben müssen, um mitzukommen und alles zu verstehen. Aber es funktioniert, und das liegt in der Natur des Theaters, weil wir uns mehr mit dem Körper ausdrücken können. So finden wir einen guten Weg, Kommunikation mit beiden Seiten des Spektrums zu ermöglichen (lacht).

Rosie: Was ich auch an unseren Erwachsenen-Workshops bemerkenswert finde, ist, dass sie eine Gemeinschaft für Interessenten bietet, die nur wegen der Arbeit oder für eine bestimmte Zeit hier leben. Sie suchen nach einer Gemeinschaft, nach neuen Freunden. Richtig cool ist der internationale Mix unserer Kurse. Bei unserem ersten Workshop hatten wir zwölf Teilnehmer und alle kamen aus unterschiedlichen Ländern. Das war echt toll, denn bei uns kommen die Teilnehmer zusammen und sprechen Englisch. Sie lernen nicht nur etwas über das Theater, sondern lernen durch das Theater auch andere Kulturen kennen.

Der neue Blog des English Theatre Düsseldorf

In eurem neuen Blog erzählt Talita Horn, wie wichtig Theaterspielen gerade für Kinder ist. Welche Rolle nimmt Talita bei euch ein? Ist sie auch Mitglied eurer Company?

Rosie: In diesem Jahr konnten wir uns mit der Digital Career Institute gGmbH vernetzen und arbeiten mit einem ihrer Marketingteams zusammen. Sie haben zwar keinen Theaterhintergrund, aber die drei Frauen interessieren sich sehr für das, was wir tun. Aufgrund des spannenden Artikels, den Talita geschrieben hatte, haben wir uns dazu entschlossen, einen eigenen Blog zu erstellen und damit vielleicht mehr Leute dazu zu bewegen, auf unsere Website zu kommen. Das ist eine völlig neue Erfahrung für uns.

Wollt ihr auch selbst schreiben?

Rosie: Ich nicht unbedingt, aber vielleicht andere Teammitglieder wie Olivia Woodrow, eine junge Frau, die mit uns in Verwaltungsfragen zusammenarbeitet und wunderschöne Texte schreibt. Doch wir hoffen in erster Linie, dass wir Texter und Blogger von außen – vielleicht auch dich – dafür gewinnen können, etwas zu schreiben, das wir dann vorstellen können. Eine Art Win-Win-Situation.

Sobald ich etwas mehr Zeit habe, sehr gerne.

Wege zum English Theatre Düsseldorf

Wie findet ihr eure Mitstreiter auf und hinter der Bühne? Durch Castings? Wie läuft es bei euch ab?

Ilya: Ich weiß es nicht. Rosie und ich „sammeln” Menschen (lacht).

Rosie: Das Interessante ist, dass sie auf uns zukommen. Natürlich suchen wir auch für spezielle Stücke Darsteller mit Castings, aber normalerweise finden sie uns über unsere Website oder hören von uns in unserer Gemeinschaft und wenden sich dann an uns.

Ilya: In den ersten sechs Monaten haben wir hauptsächlich versucht, Künstler in unserer Gemeinschaft zu finden. Viele hatten sich im Hintergrund gehalten, wir haben sie sozusagen „aufgestöbert“ und sie sind bei uns geblieben (lächelt).

Rosie: Gerade bei bestimmten Stücken, die du auf die Bühne bringen willst, sind wandlungsfähige, zuverlässige Schauspieler Gold wert. Auch das Publikum hat sich zu einer eigenen Gemeinschaft entwickelt. Es ist auch total cool, wenn du eine E-Mail von einem Schauspieler oder einer Schauspielerin erhältst, der oder die in einem anderen Teil von Deutschland lebt oder gerade hierherzieht. Diese Situation hatten wir mit Jess, die unsere Juliet in unserem neuen Stück Romeo and Juliet spielt. Sie wohnt abwechselnd in London und Duisburg und hat Kontakt zu uns aufgenommen. Wir laden die Leute ein und dann sehen wir weiter. Es ist eine erfrischende Abwechslung, dass sie so selbstbewusst sind und sich bei uns melden. Wenn du Glück hast, lernst du vielleicht Menschen kennen, die dich durch ihre Art zu einem Stück inspirieren, für das sie perfekt geeignet wären. Es funktioniert also auch andersherum und das macht sehr viel Spaß.

Zukunftsträume

Kommen wir zu eurem größtem Traum für das English Theatre Düsseldorf. Was wollt ihr unbedingt noch erreichen?

Rosie: Tja, wir haben viel darüber geredet und sind beide auf der gleichen Wellenlänge. Wir hätten gerne unsere eigene Spielstätte. Inzwischen ist es für uns ein ständiger Kampf, hier in Düsseldorf Orte zu finden, wo wir auftreten können. Wenn du dein eigenes Theater hast, kannst du ein Stück auf die Bühne bringen, wann immer du willst. Beim Mieten hängt es davon ab, was frei und erreichbar ist, denn die Logistik ist auch eine große organisatorische Herausforderung.

Ilya: Ein Theater ist natürlich ein wahnsinnig großer Traum. Aber wir brauchen auch einen Probenraum. Dazu vielleicht ein Tanzstudio für Tanzproben und dann einen anderen Raum für die Musiker. Wir hätten so außerdem Räume für unsere Workshops, die immer beliebter werden. An einem Ort, der unser Zuhause wäre, könnten wir ebenfalls unsere Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten lagern. Wir brauchen einfach viel mehr Platz.

Rosie: Genau, wir brauchen eine Basis, wo wir all die Sachen verstauen können.

Ilya: Das bedeutet natürlich, dass wir diesen Traum nur mit Hilfe öffentlicher Mittel und des Stadtrats von Düsseldorf verwirklichen können.

Rosie: Das ist ein sehr guter Punkt. Ohne die finanzielle Unterstützung der Stadt wäre es nicht möglich.

Ilya: Wir nehmen uns einige andere Companies in Deutschland zum Vorbild. Das English Theatre in Frankfurt ist wahrscheinlich die größte Erfolgsgeschichte in dieser Hinsicht. Besonders in der jetzigen Corona-Zeit brauchst du mehr Platz.

Es ist nur so schwer, solch einen Ort zu finden…

Rosie: Das ist es wirklich.

Wie geht es weiter?

Ich drücke euch fest die Daumen. Abgesehen davon, welche Projekte stehen als Nächstes an?

Rosie: Natürlich hoffen wir darauf, dass wir Cinderella, a Musical Fairy Tale (von Marc Robin und Curt Dale Clark) wieder auf die Bühne bringen können, und sind froh, dass dieses besondere Stück jederzeit gespielt werden kann. Wir sind zuversichtlich, dass wir es nächstes Jahr zeigen können, wenn die Theater wieder öffnen. Dasselbe gilt für The Messiah, eine Weihnachtskomödie, die wir leider auf die Weihnachtszeit im nächsten Jahr verschieben müssen.

Ilya: Weihnachten kommt jedes Jahr.

Rosie: Das tut es. Und dann überlegen wir, ob wir vielleicht ein Stück aufführen können, dessen Premiere eigentlich für April vorgesehen war. Es heißt NIPPLEJESUS und ist hier in seiner deutschen Fassung sehr beliebt. Darin geht es um Kunst und es entfacht eine interessante Diskussion. Ein siebzigminütiger Monolog, den wir je nach Aufführungsort vielleicht nachholen können. Ursprünglich war das Theatermuseum vorgesehen, aber das wird erst mal nicht wiedereröffnen. Außerdem sind wir megaaufgeregt, dass wir im März The Mousetrap noch mal auf die Bühne bringen können, und zwar auf der Volksbühne am Rudolfplatz in Köln. Das war bisher ein echter Erfolg. Drücken wir die Daumen.

Und dann ist da natürlich unser Shakespeare-Projekt, das im Juni hoffentlich unser erstes offizielles Open-Air-Stück und riesengroß wird. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Wir haben einen Cast von zwölf Schauspielern plus Ensemble, aber wenn alles nach Plan läuft und klappt, wird das ein sehr aufregendes und ambitioniertes Vorhaben.

Und es klingt vielversprechend. Ich habe mir euer Video angesehen, es wird sogar nass:

Rosie: Die Bühne – den Boden der Kaiserpfalzruinen – völlig nass zu machen, gibt dem Ganzen diese natürliche Umgebung.

Ilya: Und einen besonderen Geruch.

Rosie: Ja, während der Kampfszenen, auf ihren Kostümen und Körpern. Wie du merkst, sind wir sind sehr aufgeregt.

Fortsetzung folgt

Nächsten Freitag kommt der zweite Teil des Interviews, in dem Ilya und Rosie von ihren Kindheitserinnerungen, ihren Wegen in den Beruf und natürlich Tieren erzählen.

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