Interview mit Ilya und Rosie vom English Theatre Düsseldorf, Teil 2

Interview mit Ilya und Rosie vom English Theatre Düsseldorf, Teil 2

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Letzte Woche gab es den ersten Teil des Interviews mit Ilya Parenteau und Rosie Thorpe, den Gründerinnen der englischen Theatergruppe English Theatre Düsseldorf. Nach Inspirationen, Workshops und ihren aktuellen Projekten wird es im zweiten Teil persönlicher: Es geht um ihre ersten Schritte im Rampenlicht, ihre Wege in den Beruf und darum, welche Rolle Tiere in ihrem Leben spielen.

Kindheitserinnerungen

Wenn ich an eure Workshops für Kinder denke, frage ich mich, ob ihr selbst auch als Kinder angefangen habt, zu schauspielern oder zu tanzen?

Ilya: Ja, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, hat mir eine Nachbarin im Garten ihre Ballett- und Stepptanzkombinationen beigebracht. Mit acht Jahren habe ich an den ersten Kursen teilgenommen und mit elf meine erste Rolle als Profi bekommen. Ich hatte mich ins Ballett verliebt und bekam ein Engagement am Arie Crown Theater in Chicago mit 5000 Plätzen. Jeden Winter wurde das Ballett Die Nussknacker-Suite aufgeführt und ich habe darin zwischen meinem zwölften Lebensjahr und dem High-School-Abschluss verschiedene Rollen getanzt. Das war mein Einstieg in die Welt des Tanzes und es war einfach eine unglaubliche Erfahrung, mit diesen erstklassigen Profi-Ballerinen zusammenzuarbeiten und als Kind den Erwartungen zu entsprechen: Professionalität, Pünktlichkeit bei den Proben und gutes Benehmen. Ich habe das wirklich geliebt mit all der Intensität, Ernsthaftigkeit und dem Streben nach Perfektion (lacht). Von da an war ich süchtig und es kam später nicht mehr darauf an, ob es Ballett, Theater oder Film war – ich konnte mir alles vorstellen, was mit Auftreten zu tun hatte (lacht).

Rosie: Ich habe zwei Erinnerungen an Auftritte als Kind. In der Grundschule gab es zur Erntezeit ein Erntedankfest und ich habe die Vogelscheuche gespielt. Ich denke gerne daran zurück, wie die Mütter Heu in mein Oberteil gestopft haben. Der andere Auftritt war der fünfzigste Geburtstag eines Theaters in einer Nachbarstadt. Ich durfte mit anderen kleinen Kindern eine der Geburtstagskerzen eines riesigen Kuchens auf der Bühne spielen (Ilya lacht). Ich erinnere mich daran, wie ich auf dieser Bühne gestanden habe und wie magisch es war, dass die Leute uns zusahen. Ob das nun etwas mit dem zu tun hat, was wir heute tun, weiß ich nicht…

Ilya: Als du darüber gesprochen hast, dass du eine Kerze gewesen bist, hat mich das an meine allererste Rolle in einem Altersheim erinnert. Ich war eine Welle im Ozean. Das waren unglaublich prägende Erfahrungen (lächelt).

Rosie: Ja, solche Erinnerungen bleiben hängen (lächelt).

Ilya: Eine Kerze, wie niedlich (lächelt).

Wege in den Beruf

War für euch schon als Kinder klar, dass ihr eure Leidenschaft zum Beruf machen möchtet? Oder kam das erst später?

Ilya: Soweit eine Elfjährige denken kann. Nach diesem ersten Engagement wollte ich damit für immer weitermachen. Dafür bezahlt zu werden, war einfach unglaublich.

Rosie: Bei mir ist der Wunsch nach Auftritten erst in der weiterführenden Schule aufgekommen. Bei uns hat es jedes Jahr eine Theateraufführung gegeben und mich hat der Ehrgeiz gepackt, Hauptrollen zu spielen, besonders die komischen Rollen. Ich wollte die Leute zum Lachen bringen. Das kann schon süchtig machen. Ob es nun daran liegt, weil es die Leute glücklich macht oder weil es dir Selbstvertrauen gibt, weiß ich nicht. Ich wusste, dass ich es vielleicht versuchen und auf die Schauspielschule gehen wollte, als wir das Stück Teechers von John Godber aufgeführt haben. Es geht um drei Schüler einer Gesamtschule in Manchester, die eine Geschichte über ihre Schule erzählen und 21 verschiedene Rollen spielen. Ich habe in der Schule für diese Aufführung vorgesprochen und die Rolle „Gail“ – und damit insgesamt neun verschiedene Rollen wie den Schultyrannen und den Hausmeister in 90 Minuten – bekommen. Das war für mich der Wendepunkt, an dem ich dachte: „Da gibt es etwas, das du liebst, und darin bist du vielleicht auch noch gut.“

Aber wie haben eure Eltern eure Entscheidung aufgenommen? Es ist schließlich auch ein Risiko.

Rosie: Gute Frage. Ich bin auf ein Mädchengymnasium gegangen, meine Mutter war Biologielehrerin und mein Vater war ein Chartered Surveyor, also ein Immobiliensachverständiger. Beide wollten unbedingt, dass ich gute Noten bekomme und studiere. Ihnen war klar, dass ich mich für die Schauspielerei interessierte, aber sie haben mir empfohlen, erst zur Uni zu gehen und dort Theaterwissenschaften zu studieren, bevor ich auf eine Schauspielschule wechsle. Aber ich bin keine geborene Akademikerin und eher praktisch als theoretisch veranlagt. Ich bin stur geblieben, denn so bin ich eben, und wollte es unbedingt direkt versuchen. Meine Eltern haben mich unterstützt und sind bei geeigneten Schauspielschulen mit zum Tag der offenen Tür gekommen. Außerdem haben sie mich zum Vorsprechen gefahren, einmal sogar bis nach Liverpool am LIPA (Liverpool Institute of Performing Arts, d. Red.). Dort haben sie auch übernachtet und die Teilnahmegebühr für das Vorsprechen bezahlt. Wenn ich so zurückschaue, haben sie mich tatsächlich sehr unterstützt. Ich hoffe, wenn sie sehen, was ich jetzt tue, wissen sie, dass das Geld gut angelegt war. Ilya?

Ilya: Tja, ich sehe, wie unglaublich stolz sie sind, also glaube ich, dass alles richtig gelaufen ist (lacht). Ich komme aus einer Künstlerfamilie. Meine Mutter war Malerin und hat Modedesign am Art Institute of Chicago studiert. Sie hat als Innenarchitektin in der Polsterei und Gardinen-Näherei ihrer Eltern gearbeitet, die mein Vater dann übernommen hat. Ich habe erst später erfahren, dass er auf dem College bei einigen Stücken Regie geführt hatte und Regisseur werden wollte, bevor er meine Mutter traf. Als ich nicht mehr Ballerina, sondern Schauspielerin werden wollte, hat er vollkommen hinter mir gestanden und meine Karriere sehr unterstützt. Er fuhr mich an mehreren Marathon-Showwochenenden zum Stratford Shakespeare Festival nach Kanada und war stolz darauf, mit meinen Leistungen auf der Bühne zu prahlen (lächelt).

Rosie: Und Ilyas Mutter ist auch heute noch eine unglaubliche Frau, denn als Künstlerin hilft sie uns bei der Herstellung von Requisiten. Eltern zu haben, die dich unterstützen, macht wirklich einen Riesenunterschied.

Heimat

Gibt es etwas, das ihr aus eurer Heimat besonders vermisst? Bei mir sind es beispielsweise Eclairs mit Pudding. 😊

Ilya: Ich vermisse wirklich meine Lieben: meine Mutter, meine Geschwister, meine Freunde. Was ich nicht vermisse, ist McDonald’s (lacht). Alles, was ich in den USA bekommen kann, kriege ich hier auch oder brauche es nicht. Meine Lieben sind so weit weg und ich komme nicht oft nach Hause. Aber gerade die Tatsache, dass ich in diesen Zeiten nicht einfach in ein Flugzeug steigen kann, macht es noch schwerer. Das ist furchtbar. Es fehlt mir, nach Hause fliegen zu können.

Besonders jetzt zu Weihnachten…

Ilya: Ja.

Rosie: Mir geht es wie Ilya, ich vermisse Familie und Freunde. Das ist einer der größten Kompromisse, wenn du ins Ausland gehst. Mir fehlt es, einfach meine Freunde anzurufen und zu sagen: „Lasst uns auf ein Pint in den Pub gehen.“ (lacht) Es sind die kleinen, einfachen Dinge. Wenn ich etwas nennen soll, was ich in Sachen Essen oder Trinken vermisse, ist das gar nicht so leicht, denn du kannst hier so viel kaufen, wie beispielsweise Marmite (Ilya lacht). Oder einen Crumpet-Pfannkuchen! Ich liebe Crumpets. Ich habe sogar mal Crumpets für Ilya gemacht. Erinnerst du dich?

Ilya: Ja (lacht).

Rosie: Ich liebe Crumpets wirklich. Aber ehrlich gesagt war ich nach meinem Umzug hierher fasziniert vom deutschem Essen und Bier. Der Reiz des Neuen ist inzwischen verflogen, aber ich war damals sehr froh darüber, mich in die deutsche Kultur zu integrieren. Schlussendlich geht es mir wie Ilya, ich vermisse Familie und Freunde am meisten. Du willst immer das, was du nicht hast…

Von Katzen, Hunden und Rennmäusen

Last but not least natürlich auch an euch die Haustier-Frage. Mein Kater Finlay sitzt gerade hier. 😊 Habt oder hattet ihr Haustiere?

Ilya: Wie witzig, ich habe selbst einen Kater (lacht). Unsere Familienkatze gehört eigentlich meinem Sohn und heißt Lupus, das ist Lateinisch für Wolf. Mein Sohn und einer seiner Freunde haben ihn auf einem kleinen Bauernhof gefunden und er hat mich angerufen: „Mommy, es gibt da diesen Kater und die Mutter ist gestorben, der Bruder auch und der Bauer will ihn nicht. Es wird bald Winter und wir müssen ihn mit nach Hause nehmen. Du musst mich ihn mitnehmen lassen.“ Und ich dachte nur: „Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein!“ Mein Ehemann: „Nein!“ Und ich sagte: „Nein, nein, nein.“ Daraufhin er: „Mommy!“ Tja, entgegen meines mütterlichen Urteilsvermögens habe ich dann ja gesagt und verloren. Also kam er mit dieser Box zurück, darin war das Kätzchen, und er war so erleichtert. Und nun ist Lupus ein Familienmitglied, das wir nie erwartet hätten.

Ich habe auch etwas über Katzen und ihre sieben Leben gehört. Keine Ahnung, welches der sieben Leben ich gerade lebe, aber ich war sogar für anderthalb Jahre eine Katze im Musical (lacht). Ich hatte viele Katzen und erinnere mich an alle. Sie waren liebenswert und ich bin eine „cat woman“.

Rosie: Als Kind hatte ich nie eine Katze, aber meine Nachbarin Shirley. Wenn sie mit ihrer Familie in Urlaub gefahren ist, habe ich mich immer gefreut, denn dann konnte ich die Katze zweimal am Tag füttern gehen. Das war für mich eine große Sache, weil wir keine Katze haben durften, doch so hatte ich eine, um die ich mich kümmern konnte. Als Kinder hatten wir aber zwei Rennmäuse, eine hieß Jemima und die andere Nuzzle. Als eine von ihnen gestorben ist und wir nicht wussten, welche es war, haben wir die andere Jemuzzle genannt (Ilya lacht). Das war natürlich tragisch, aber es war meine einzige Erfahrung mit Haustieren und das ist in Ordnung.

Wie jedes Kind wollte ich zwar unbedingt einen Hund, doch meine Mutter hatte Recht. Sie meinte: „Wie sollen wir uns um ihn kümmern? Wir arbeiten beide und er soll ein schönes Leben haben.“ Als Erwachsene verstehe ich völlig, dass es richtig war, keinen Hund anzuschaffen.

Ich wollte auch einen Hund.

Ilya: Mein Sohn wollte auch einen Hund, also war die Katze eine Art Kompromiss (lacht). Wir müssen nicht mit ihm Gassi gehen.

Ich bin so dankbar, dass ihr es geschafft habt, euch Zeit für dieses Interview zu nehmen.

Ilya: Dir vielen Dank, auch für den Blogbeitrag über uns. Es ist schön, wenn jemand uns Aufmerksamkeit schenkt. Ein großes Dankeschön.

Rosie: Vielen Dank.

Danke für eure Zeit und gerade jetzt umso mehr alles Gute. Bleibt gesund und ich wünsche euch ein hoffentlich besinnliches Weihnachtsfest.

PS: Für alle, die Ilya und Rosie noch einmal sehen und sprechen hören wollen, hier ein kurzes Interview des English Theatre Düsseldorf mit Ilya über das neueste Projekt Romeo and Juliet:

Und natürlich auch mit Rosie:

Viel Spaß! 😊

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