Falsche Entscheidungen

Falsche Entscheidungen

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Bevor die Katzen in mein Leben tapsten, absolvierte ich 2011 ein Praktikum im englischen Somerset. Die hügelige Landschaft im Südwesten der britischen Insel verzauberte mich. Südlich von Somerset erstreckt sich Dorset bis zur Küste. Hier lebte und wirkte der Schriftsteller Thomas Hardy. Er gehört zu meinen Lieblingsautoren aus dem Vereinigten Königreich, weil er starke Figuren in seinen wendungsreichen Romanen erschuf. Ich besuchte Dorchester und das dortige Dorset County Museum, in dem Original-Manuskripte und andere Ausstellungsstücke von Hardy zu sehen sind.

Heute geht es um die Verfilmungen seiner Romane, denn nicht jeder nimmt gerne die Klassiker des 19. Jahrhunderts in die Hand. Als Filme mit talentierten Schauspielern und stimmungsvoller Musik schaffen es vielleicht doch zwei von Hardys Werken in skeptische Herzen: Tess of the D’Urbervilles und Far from the Madding Crowd (deutscher Titel: Am grünen Rand der Welt). Die Adaptionen verkürzen den Stoff auf das Wesentliche und die Beschreibungen des Autors nehmen durch die Landschaften Form an.

Beide Geschichten drehen sich jeweils um eine weibliche Hauptfigur und spielen im späten 19. Jahrhundert im ländlichen Wessex. Anders als Sussex und Essex ist es eine erfundene Landschaft, die an Südengland erinnert. Tess Durbeyfield und Bathsheba Everdene geraten an unpassende Männer, obwohl die „Richtigen“ zuerst in die Leben der Protagonistinnen traten. Das Schicksal spielt beiden Frauen übel mit. Die besonders charakterstarken Angel Clare in Tess of the D’Urbervilles und Bathsheba Everdene in Far from the Madding Crowd halten zunächst blind an ihren Prinzipien fest und verhindern so ihr direktes Glück. Erst nach schlimmen Erlebnissen wegen falscher Entscheidungen erkennen sie, dass sie nun anders handeln würden.

Natürlich war ein Entschluss damals von großer Tragweite, da Frauen den Männern nicht gleichgestellt waren. Das Glück der Frau bestand darin, einen standesgemäßen und möglichst reichen Mann heiraten zu dürfen. Thomas Hardy zeigt aber Heldinnen, die ihrer Zeit voraus sind. Sie versuchen, sich durch harte Arbeit in der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Bathsheba und Tess könnten sich finanziell absichern, indem sie einen Mann heiraten, den sie nicht lieben. Das Thema bleibt modern, weil wir heute genauso mit immer höheren Ansprüchen und Prinzipien zu kämpfen haben. Außerdem gibt es immer noch Menschen, deren Ziel es ist, reich und in einen höheren Stand zu heiraten.

Die bildgewaltigen Filme unterstreichen die Haltung des Autors. Thomas Hardy scheint seinen Lesern förmlich zuzurufen: Das Leben ist schwer genug! Packt das Gute direkt beim Schopf, wenn es sich euch bietet! Der Stoff ist auch aktueller denn je, wenn wir uns anschauen, wie wir heute auf Partnersuche gehen. Apps und Partnerbörsen vermitteln den Eindruck, dass es immer noch jemand Besseren geben könnte. Dementsprechend wollen sich viele nicht mehr festlegen. Dadurch verpassen wir jedoch vielleicht den loyalen, etwas ruhigeren, aber dafür umso treueren Gefährten fürs Leben.

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